When I`m 64

Sir Paul McCartney wird heute auch ganz anders über 64-Jährige denken als früher, er würde das Lied mit Sicherheit nicht mehr so schreiben.

Mittlerweile ist er 75 Jahre alt und sein Leben ist mit Sicherheit nicht so beschaulich und langweilig, wie er es beschrieb.

 

Als Kind kamen mir alle Erwachsenen alt vor, aber der Blickwinkel ist nun ein anderer. Innerlich fühle ich mich oft wie ein junges Mädchen, nur dass mein Körper es mitunter anders sieht. 

 

In der letzten Zeit war ich mit Situationen konfrontiert, die mich stark herausgefordert und mitgenommen haben. Aber ich bin wieder ich und will hier ein wenig davon erzählen. Und von anderen Themen rund um plus/minus 64.

Oktoberfest im Seniorenzentrum

Riesenstimmung mit Patrick Lindner

 

Im Heim meiner Mutter habe ich schon einige schöne Veranstaltungen erlebt. Ich verwende hier ganz bewusst das Wort Heim, da meine Mutter sich dort sehr wohl fühlt.

Zu dem Oktoberfest bin ich mit gemischten Gefühlen gegangen, da Schlager und Blasmusik nicht unbedingt zu meiner bevorzugten Musik gehören.

 

 

Die meisten anderen Anwesenden waren aber schier aus dem Häuschen.

Neben Patrick Lindner sorgten die  Daglfinger Musikanten für die tolle Stimmung.

Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, so wurde mitgesungen, geschunkelt und geklatscht.

ICH WAR DOCH HIER IN EINEM ALTENHEIM UND NICHT AUF DER WIESN!

 

 

Zu eben diesem Seniorenzentrum hat Patrick Lindner eine besondere Verbindung. Lebte doch seine geliebte Mutter Hedwig bis zu ihrem Tod hier. Hier lief ich ihm auch häufiger über den Weg.  Und auch vorher schon hatte ich Berührungspunkte mit ihm.

Als es noch das Karstadt Möbelhaus auf der Theresienhöhe gab, bin ich ihm dort begegnet. Ein mir unbekannter junger Mann schenkte mir ein nettes Lächeln. Im Fernsehen erkannte ich ihn dann wieder und konnte auch den netten Kerl (O-Ton mein Mann) identifizieren. Mein Mann kannte ihn von der gemeinsamen Arbeitsstelle. Darauf angesprochen, taute er regelrecht auf und erzählte von der schönen Zeit dort.

 

Und dieser nette Kerl ist er geblieben. Mir ist er als Mensch ungemein sympathisch und sein Lächeln ist noch so echt wie damals.

Die Damen sind wieder zu Mädchen geworden und haben sich Autogramme geben lassen, die sie verzückt betrachteten.

Seine Mutter lebt nur noch in seinem Herzen, er Hätte keinen Grund mehr ins Seniorenheim zu kommen. Statt dessen gab er ohne gedrängt zu werden die Zusage für das nächste Jahr. Presse war nicht anwesend, er war ganz privat mit seinem Mann und Freunden da.

Es wäre schön, gäbe es mehr "Ehrenamtliche" wie ihn, die mit ihrem Können erfreuen und Leben in den Alltag der Senioren bringen.

Die Pflegekräfte und Betreuer können bei allem Engagement nicht alles leisten.

Meine Mutter ist durch ihre Demenz meistens ganz weit weg und kaum zu erreichen. Sie ist bei seiner Musik und der Stimmung wieder regelrecht aufgeblüht, zum Leben erwacht.

Von Herzen danke und Vergelt`s Gott dafür.

Hier zeige ich nur Bilder meiner Mutter, um die Privatsphäre anderer nicht zu verletzen.

Aber ich versichere, schon lange nicht mehr so fröhliche, entspannte Gesichter gesehen zu haben.

Lindner war zu Tränen gerührt, als man ihm als Dankeschön ein Foto auf Leinen von ihm und seiner Mutter schenkte.

Rührselig wie ich bin, habe auch ich die Tränen nicht zurück halten können.


Als der Hausmusiker Ansgar Krause mit seinem irischen Kollegen Colm ein selbst verfasstes Danke-Lied vortrug, gewann Patrick Lindner seine Fassung wieder.

Mit diesem Lied sprach Ansgar Krause wohl allen Anwesenden aus der Seele.

Und, heute schon DANKE gesagt?

Es wird viel zu selten gebraucht, dieses wichtige, so glücklich machende Wort.

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Meine Mama und ich

Meiner Mutter habe ich letztendlich diesen Blog zu verdanken.

Wie und warum erzähle ich hier und eigentlich sollte das der erste Blog-Beitrag werden. Aber die anderen Themen wie Rezepte, Unterwegs und die anderen sind so viel einfacher zu verfassen. Zu privat möchte ich nicht werden, aber persönlich genug.

 

Mama - 23 Jahre jung und mit 89 Jahren

 

Als ich meinen kleinen Schmuckladen schloss, hatte ich die Vision von etwas weniger Pflichten und mehr Freizeit. Ich wollte meine Freunde, Familie und Kinder häufiger sehen.

Dass das Leben endlich ist, musste ich schmerzlich im Dezember 2014 erfahren, als mein "kleiner" Bruder an den Folgeschäden seiner Leukämie starb.

Schon vor einiger Zeit war meine Mutter in ein Heim in München übersiedelt, damit ich mich besser

um sie kümmern kann. Vor nunmehr 10 Jahren diagnostizierten die einen Ärzte Alzheimer, andere unklare Demenz, was immer das heißt. Ich übernahm die Betreuung  und zwar sofort.

Wegen "Gefahr im Verzug", wie es im Amtsdeutsch heißt.

 

 

Die Angelegenheiten meines Schmuckladens waren kaum erledigt, erkrankten innerhalb weniger Monate meine Mutter , meine Schwester (Lungenembolie) und mein Bruder (Lungenentzündung) schwer. Die Sorge um meine Lieben setzte mir sehr zu. Bei meiner  Mutter war es lebensbedrohlich, ich musste mit ihrem Tod rechnen.

 

In dieser Zeit begann ich mich verstärkt wieder auf die schönen Seiten des Lebens zu konzentrieren. Auf meinem täglichen Weg zu den verschiedensten Münchner Kliniken sog ich regelrecht die Schönheit des erwachenden Frühlings in mich auf.

Der Fotoapparat wurde wie früher wieder zu meinem ständigen Begleiter. Statt der schweren Spiegelreflex mit zusätzlichen Objektiven und Filtern habe ich eine kleine Kompaktkamera.

 

Zu der Belastung durch die Krankheiten wurden mir ständig Entscheidungen abverlangt zu medizinischen Behandlungen und Operationen.

Ich las mich durch zahlreiche Foren zu Alzheimer, humanem Sterben, Palliativmedizin, Ernährung  und Ethik. Auch mit der Frage operieren (2x Gallenblasenentzündung) oder nicht musste ich mich auseinander setzen, da die Ärzte uneins waren.

 

Drei Monate lang nahm die Familie Abschied von meiner Mutter, ich hatte inzwischen alle notwendigen Entscheidungen zur Bestattung getroffen und mich für ein Palliativprogramm entschieden.

Mama war nur noch Haut und Knochen, innerhalb eines guten halben Jahres hat sie sich wunderbar erholt und wieder ihr altes Gewicht. Im Juli konnten wir ihren 89. Geburtstag feiern.

Ihre Mutter ist ein Wunder, bekomme ich immer wieder mal zu hören.

Ich denke und hoffe, dass meine häufigen Besuche auch dazu beitragen.

 

 

Ich habe immer wieder andere ebenso hilflose Menschen wie mich getroffen. Vielleicht kann ich ein wenig Mut machen, sich mit dem Sterben auseinander zu setzen und einen eigenen Weg zu entwickeln, damit fertig zu werden.

Und vor allem bis zum letzten Atemzug zu leben.

 

Kindergarten und Hort grenzen direkt an den Friedhof in Aufkirchen,  hier herrscht ein selbstverständliches Nebeneinander von jungem, unbeschwerten Leben und dem Tod.

Was ist anders als früher?

Geburten und Sterben waren in das normale tägliche Leben eingebettet, selbst den Kindern waren der Tod , Siechtum und Krankheiten vertraut. Und auch die Kleinsten nahmen Abschied von den Sterbenden. Feste Rituale erleichterten zusätzlich die Bewältigung der Aufgaben, die Nachbarn und Verwandten halfen. 

Meine Freundin Rita starb viel zu jung und hinterließ zwei kleine Töchter, es war eine schöne Leich, wie man in Bayern sagt. Alle weinten und lachten gleichzeitig und gedachten ihrer, ließen schöne und lustige Momente wieder aufleben. Anfangs war es befremdlich für mich, dann aber verstand ich den Sinn dahinter.

Meine Familie ist wie die der meisten Menschen weit verstreut, jede Generation ist eingespannt in die täglichen Pflichten. Und oft gibt es vier  Generationen.

Pensionäre und Rentner haben häufig noch Elternteile, bei meinem Mann und mir sind es die Mütter.  Seine Mutter ist inzwischen 95 Jahre alt.

Aus meiner Familienforschung weiß ich, dass es in vergangenen Jahrhunderten die absolute Ausnahme war, etwa 90 Jahre alt zu werden.

Da war zum Beispiel im Kirchenbuch vermerkt: "Er starb alt und lebenssatt!"

 

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