Ein besonderes Weihnachtsfest meiner Kindheit

Die Engel backen Plätzchen

 

Eine Biografie besteht nicht nur aus Fakten, sondern wird erst spannend und interessant durch die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen.

Und sie setzt sich aus vielen kleinen Mosaiksteinen zusammen. Mein erster Mosaikstein oder mein Biografieanfang ist das Weihnachtsfest.

Wie war das Weihnachten Ihrer Kindheit?  Viele dieser Feiern sind vielleicht schon im Dunkel der Erinnerung verschwunden, andere überdauern in der Erinnerung und in Tagebuchnotizen, Briefen und anderen Aufzeichnungen.

Geordnet und in eine Reihenfolge gebracht, haben wir den Anfang zur Biogafie schon gemacht.

Der winterliche Sonnenuntergang ist für mich untrennbar mit der Vorweihnachtszeit verbunden. Wenn ich im November und Dezember so einen Himmel sehe, freue ich mich und denke an die Erklärung meiner Mutter für die leuchtende Pracht: Die Engel backen Plätzchen.

Zweifel hatte ich keine. Im Gegenteil, meine kindliche Fantasie schmückte die wenigen Worte im Geiste aus. Ich sah die unzähligen Putti Teig anmischen , rühren und ausstechen. danach schoben sie die Bleche in den Ofen. Da war ein regelrechtes Gewimmel auf den Wolken.

Es gab in dem Dorf, wo wir aus Düsseldorf hingezogen waren zwei kleine "Tante Emma Läden".

Aber Plätzchen gab es dort nicht.

Die Weihnachtszeit fing auch erst mit dem ersten Advent an und der ersten entzündeten Kerze auf dem schlichten selbst gemachten Kranz. Dieser hatte immer dicke rote Kerzen und war mit einem seidigen roten Band umwickelt. Ein paar rote Beeren, ein wenig goldener Schmuck vervollständigte den traditionellen Kranz.

Ich kaufe bis heute nicht schon im August Weihnachtsgebäck und Süßigkeiten, sondern warte, auch wenn es schwer fällt.  Meine ständige Versuchung ist Marzipan.

Auf den schönen bunten Teller unter dem geschmückten Baum interessierten mich hauptsächlich drei Köstlichkeiten - das Marzipanbrot, die raren Orangen und die Paranüsse . Sobald die Bescherung vorbei war, feilschten wir vier Geschwister und tauschten munter drauf los.

 

Wir hatten keinen eigenen Fotoapparat, es gibt daher keine Bilder aus unserer Familie.

Hier die Schwester meiner Oma mit Mann, Kindern und dem Schwiegervater.

1939 Meine Lieblings-Tante als Baby mit ihren Eltern und den großen Brüdern.

Etwa 1951/52 Die Weihnachts-Geschenke für meine Tante vom großen Bruder.

1941 Mit dem Opa, damals musste man  Fotos nehmen, wie sie fotografiert wurden.


Ein Jahr strahlt in meiner Erinnerung besonders. Es war etwa 1959/60.

Die Atmosphäre war geheimnisvoll, zugleich voller Freude, Spannung und Erwartung. Wir Kinder waren ungeheuer neugierig und hätten zu gerne gewusst , was vor sich geht. Wie meine drei Geschwister  die Spannung aushielten, weiß ich nicht. Das Schlüsselloch war für mich tabu, hätte ich doch sonst eine goldene Nase gehabt, die meine Neugier verraten hätte. Das hatte ich aus einer der Gute-Nacht-Geschichten. Das Mädchen bekam keine Geschenke, weil es den Weihnachtsmann und seine Helfer durch das Schlüsselloch beobachtet hatte und vom himmlischen Glanz die goldene Nase zurück behielt. Das Risiko war eindeutig zu groß!

Also nervten wir meine arme Oma, die schließlich eins der Geheimnisse verriet.

Mama und Papa unterstützten den Weihnachtsmann, damit er rechtzeitig fertig wurde. Und zwar im Atelier ein paar Stufen über der Küche. Mir war klar, warum er sie ausgesucht hatte. 

Sie konnten Rahmen herstellen, restaurieren und vergolden und mein Vater außerdem malen. Das Hämmern und die anderen Geräusche waren somit erklärt.

Unsere Freude, unser Entzücken über die wunderbaren Geschenke kannte keine Grenzen. Für den Rest des Abends spielten meine Schwester und ich selig mit den Puppenwiegen.

Meine Brüder hatten einen prächtigen Flipper bekommen, rot-schwarz-gold lackiert und waren auch den ganzen Heiligabend beschäftigt. 

Geld etwas zu kaufen war oft Mangelware in unserer Familie, ein Kunstmaler hatte nun mal kein regelmäßiges Salär.

Später erzählte meine Mutter, dass der Korpus aus einem ovalen Mandarinen-Kistchen bestand. Zwei untergeschraubte Kleiderbügel, ein Himmel aus starkem Draht und zwei geopferten Nachthemden meiner Mutter. Sie nähte alles per Hand, auch den Matratzenbezug und die Bettwäsche.

Selbst mit der Nähmaschine ist es viel Arbeit, und in späteren Jahren schätzte ich die Arbeit, Liebe und Mühe meiner Eltern.

Die Geschenke in anderen Jahren waren eher praktischer Art, eine Wunschzettel oder Wünsche kannten wir nicht. Der neue Rock wurde für einige Zeit mit Trägern verkürzt, die Strickjacke war nur um weniges kürzer als der Rock. Die Ärmel wurden eingenäht oder umgeschlagen. Trotzdem waren wir immer zufrieden, wir kannten es nicht anders. Wir waren ohne Fernseher und somit ohne Vergleiche. Was kann man Schöneres sagen, als dass wir glückliche Kinder auch ohne viele gekaufte Spielsachen waren. Die meiste Zeit verbrachten wir ohnehin im Freien und kamen mit steif gefrorener Kleidung und Triefnasen  zum heißen Kakao nach Hause.

 

Und übrigens, Loriot hatte recht. Früher war mehr Lametta!  Passend zu den silbernen Kugeln, die jedes Jahr unseren Baum schmückten.

                                                                                  ALLE JAHRE WIEDER.

 

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