Ludwig ll. und Ferdinand Böhm l.

Todestag, der 13. Juni 1886

 

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Ferdinand Böhm l. hatte einen Sohn und Enkel gleichen Namens.

 

Für 199 Euro können Sie sich im Internet zwecks Erforschung Ihrer Herkunft einen Gentest bestellen. Mein Neffe Bernhard hat es einmal ausprobiert und weiß nun, dass einiges keltische Blut in seinen Adern rollt und er zu 3-4% vom Neandertaler abstammt. Das erinnert mich an die verwegene These eines anderen Genealogen, dass nämlich eine Million Deutsche unbekannter Weise Kaiser Karl den Großen zu ihren Vorfahren zählen können. Wenn Sie also merkwürdige Wesenszüge bei sich entdecken, denken Sie mal über Kaiser Karl nach.
So weit in die Vergangenheit zurück wollte ich den Bogen nicht spannen. Ich ging vielmehr ins Bayerische Hauptstaatsarchiv, Abteilung Kriegsarchiv in der Leonrodstraße 57 in München. Dort ließ ich mir den Personlakt meines Vorfahren Ferdinand Böhm vorlegen, der, wie ich aus der Familienforschung wusste, dort komplett erhalten ist. Der Feldwebel Böhm diente von 1825 bis 1846 beim 1. Bayr. Infanterieregiment. Ich war verdattert, wie frisch und lebendig mir Ferdinand aus den Papieren entgegentrat, und wie Charakterzüge durch den Firnis von 200 Jahren schimmerten, die mir irgendwie bekannt vorkamen…
Ferdinand Böhm wurde 1799 in Mannheim als drittes Kind eines Hofgerichtssekretärs geboren. Mit fünfzehn ging er zu den Soldaten. Die Zeiten waren bewegt, und von der Uniform versprach sich der junge Bursche wohl Fortkommen, Ansehen und Abenteuer. Am 1. Juli 1815 wurde er als Kadett beim Bayrischen Infanterieregiment „Prinz Otto“ in Würzburg angenommen. Das war zwei Wochen nach der Schlacht bei Waterloo.

Im Dienstbuch des Soldaten sind alle Stationen seiner Karriere festgehalten. Gleich zu Anfang stand er mit Bayrischen Truppen bei Orleans in Frankreich. Das muss seinen Horizont gewaltig geweitet haben, war aufregend und romantisch. Doch der biografisch entscheidende Einschnitt kommt im Jahre 1823, als Ferdinand in die Haupstadt des Königreichs Bayern, nach München, versetzt wird. Er tut dort fortan Dienst bei der 9. Füsilier-Compagnie.
Der junge Mann wohnt in der Kaserne und wird 1825 zum Vizekaporal und 1826 zum Kaporal befördert. So sagte man damals im Bayrischen Heer für einen Unteroffizier. Das Aussehen Ferdinands wird im Personalakt so beschrieben: Er ist 5 Schuh, 7 Zoll und 1 Linie groß, das entspricht etwa 1,65 Metern, hat schwarzbraune Haare und trägt Bart. Seine Augenbrauen sind blond, die Augen blau, Nase und Mund „proportioniert“, das Kinn rund und das Gesicht länglich. Der Körperbau wird als untersetzt bezeichnet; besondere Kennzeichen: Keine.
Der öde Kasernendienst und geistloser Drill setzen dem jungen Mann offensichtlich zu. In seiner Akte finden sich disziplinarische Einträge. Einmal gefiel dem Vorgesetzten seine Uniform nicht, sie sei „malpropre“ gewesen, also schmutzig. Dann, 1826, kam er mehrmals beim Antreten zu spät und fiel zudem durch Trunkenheit auf. Ein Jahr später widersprach er gar seinem Vorgesetzten, dem Feldwebel Wolfsteiner. Im Militärdeutsch nannte man das „subordinationswidrige Äußerungen“. Ferdinand büßte sie mit 8 Tagen Stubenarrest.
Eine Verfehlung vom 23.9.1827 war noch gravierender: Ferdinand unterließ es als Kommandant der „Schwabinger Torwache“ – also dort, wo heute in München die Feldherrn-halle steht – der in Uniform einpassierenden Excellenz, General Graf von Seyssel, die vorgeschriebenen Ehrenbezeichnungen zu machen. Und nicht nur das, er habe dabei denselben auch noch „anfixieret“. Das brachte ihm drei Tage verschärften Stubenarrest bei „Wasser und Brod“ ein.
Danach wurde Ferdinand ruhiger und gesetzter, vielleicht weil er die Anna Rausch kennen-lernte, eine ledige Salzsiederstochter aus Traunstein, die als Dienstmagd in München Arbeit und Brot gefunden hatte. Einiges spricht dafür, dass er seine Geliebte heiraten wollte. Er konnte aber das von Soldaten bei einer Verheiratung geforderte beträchtliche Vermögen, die sog. Kaution, nicht aufbringen. Ohne Geld durfte er keinen eigenen Hausstand begründen, solange er den Rock des Königs trug.
Anna brachte also ihren und Ferdinands Buben ledig zur Welt. Am 8. Februar 1831, und zwar im „Gebärhaus“ zu München in der Sonnenstraße, welches ungefähr am Ort des heutigen Postsparkassenamtes, nahe dem Sendlinger-Tor-Platz stand. Die Hebammen wuschen sich damals ihre Hände nicht häufiger als Stallmägde oder Bauersfrauen. Dennoch überlebten Mutter und Kind. Anna Rausch musste München aber wieder verlassen, weil nach dem Bayrischen Heimatrecht die Stadt Traunstein für die Unterstützung der nunmehr arbeits- und mittellosen Frau und ihres Säuglings zuständig war.
Ferdinand erkannte die Vaterschaft an. Das Kind wurde im Taufregister mit dem väterlichen Familiennamen Böhm eingetragen und erhielt auch den väterlichen Vornamen. Die junge Mutter Anna starb schon im Sommer 1836 an Lungentuberkulose. Ferdinand erwirkte daraufhin vier Wochen Sonderurlaub bei seiner miltärischen Dienststelle, holte das fünfjährige Söhnchen in Traunstein ab und ging mit ihm zusammen zu Fuß fast dreihundert Kilometer weit nach Sigmaringen, der Hauptstadt des Zwergfürstentums Hohenzollern-Sigmaringen. Dort war nämlich Ferdinands älterer Bruder Max als Hofschauspieler angestellt. Dieser war bereit und finanziell in der Lage, das Kind zu versorgen und zu erziehen.
Erst 1844 hatte Ferdinand, inzwischen zum Feldwebel avanciert, die Kaution beisammen, um zu heiraten. Mit einer Augsburgerin zeugte er sechs Kinder, von denen vier wieder starben. Und seinen Erstgeborenen holte er sich auch von seinem Bruder zurück. Eine dienstliche Beurtei-lung durch den „Compagniecommandanten“ Lanz bescheinigt ihm jetzt gute Aufführung sowohl in als auch außer Dienst. Er habe sich die vollste Zufriedenheit aller seiner Vorgesetzten erworben. Feldzüge habe er keine mitgemacht, aber trotzdem das Dienstauszeichnungskreuz 1. Klasse erhalten.
Um diese Zeit fällt allerdings auf, daß Ferdinand beginnt, am laufenden Band Gesuche an seine Vorgesetzten zu richten. Waren es früher Heirats-, Urlaubs-, oder Gesuche um Zulagen zum schmalen Sold, so packt ihn jetzt der Ehrgeiz. Er bewirbt er sich 1841 langatmig um eine Stelle als Postkondukteur. Das Gesuch wird abgelehnt, weil ihm wieder einmal Geld dafür fehlt, 500 Gulden. Aber er gibt nicht auf. Zwei Jahre nach seiner Hochzeit kommt er um Versetzung zur Garnison Donauwörth ein. Auch dieses Vorbringen wird abgeschmettert und Ferdinand stattdessen nach Nymphenburg versetzt, einem Bewachungskommando für das königliche Schloß bei München.
Zwei Jahre später zieht er mit der Familie nach Augsburg um und wird im dortigen Militär-gefängnis Profoß, das ist Polizeiunteroffizier. 1853 bewirbt er sich auf die freigewordene Stelle eines Kasernenhausmeisters in Lindau. Das Gesuch wird abgelehnt. Jetzt fährt Ferdinand
stärkeres Geschütz auf: Seine Gesundheit sei lädiert. Er beantragt 1855 Invalidenrente und gibt an, er sei „stets mit nervösem Kopfnicken und Schwindel behaftet“, leide an Augen- und Ge-dächtnisschwäche, häufig auch an Verstopfung und Hämorrhoiden. Überhaupt verspüre er eine solche Kraftabnahme, daß er beim besten Willen nicht mehr den Obliegenheiten eines Profoß nachkommen könne.
Zwei Regimentsärzte bestätigen ihm einen Schwund der Gesamtmuskulatur des Körpers, eingefallene Wangen, hervortretende Jochbeine, und sonst noch einige Zipperlein. So wird Ferdinand am 1. Mai 1855 zwar nicht befördert, doch als Vollinvalide anerkannt und zur Kgl. Bayrischen Veteranenanstalt Donauwörth versetzt. - Ob es Ferdinand als Pensionär langweilig wurde? 1867 jedenfalls ersucht er überraschend, wieder Dienst tun zu dürfen, und zwar als Ordonnanz-Unteroffizier im kgl. Kriegsministerium in München. Ein erneutes ärztliches Gutachten bescheinigt ihm generelle Tauglichkeit, doch werden ihm nun seine Kurzsichtigkeit, bedeutender Zähnemangel und die Glatze zum Verhängnis. Das Gesuch wird abgelehnt.
Damit ist das Ende der Dienstfahrt erreicht. Im Herbst 1869, 70 Jahre alt, wird er zusammen mit seinem Eheweib in das Kgl. Invalidenhaus zu Benediktbeuern eingewiesen. Alle Pensionäre dort sind in dem ehemaligen Kloster untergebracht, und jedem von ihnen steht samt Familie ein gesondertes, heizbares Zimmer von 46 Quadratmetern zur Verfügung. Die schöne Voralpen-landschaft und das süffige Bier der Klosterwirtschaft mögen seiner lädierten Gesundheit wieder Auftrieb verliehen haben. Ferdinand genießt dort 17 weitere Jahre seines Lebens und stirbt hochbetagt am 13. Juni 1886. Am selben Tag übrigens, an dem sein oberster Dienstherr, König Ludwig II, im Starnberger See ertrinkt.
Im Nachruf auf Ferdinand Böhm heißt es: “In Benediktbeuern war ihm ein ruhiger Lebensabend beschieden. Er war ein offener, redlicher Mann von sehr liebenswürdigem Charakter und seltener Geistesfrische. Von körperlichen Leiden blieb er trotz seines hohen Alters verschont und es war ihm auch ein leichter Tod, ein Hinüberschreiten zur Ewigkeit, vergönnt“. Seine Witwe erhält eine Staatspension von monatlich 13 Mark 71 und 5/12 Pfennigen. Als sie nach drei Jahren stirbt, macht ihr Stiefsohn Ferdinand, den wir am Anfang dieser Geschichte kennenlernten – er ist mein Ur-Ur-Großvater – eine Eingabe an das Bayerische Kriegs-ministerium und bittet um Erstattung der Beerdigungskosten in Höhe von 129 Mark. Das Gesuch wird abgelehnt.

 

Harald Krämer © 25.September 2014

 

13. Juni 2011 - der 125. Todestag Ludwig ll.

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