Biografie

Die eigene Biografie

Düsseldorf am "Rhing"

 

Bei dem Vorhaben die eigene Lebensgeschichte zu verfassen, scheint man vor einer Herkulesaufgabe zu stehen.

Aber so wie jedes Buch einzelne Kapitel hat, ist es auch im eigenen Leben. Dabei ist es unwichtig, wo man anfängt. Der Computer bringt zum Glück alles in die gewünschte Reihenfolge.

Chronologisch vor zu gehen ist dabei nur eine mögliche Methode. Packender kann es manchmal sein, mit einem prägenden oder wichtigen Ereignis zu beginnen.

Die Hochzeit des Sohnes oder der Nichte, der 90. Geburtstag des Patenonkels, der eigene runde Geburtstag oder Hochzeitstag, die Pensionierung oder dem Renteneintritt bieten sich für einen Rückblick an.

Jede Lebensgeschichte ist es wert, aufgeschrieben zu werden. Und fragen sie sich jetzt, wen das interessiert, ist das erst einmal nebensächlich. Sein bisheriges Leben Revue passieren zu lassen, ist schön, manchmal auch heilsam oder gut. Sie werden staunen was, einmal angefangen, alles wieder in Ihnen auftaucht.

Und reden Sie mit Kindheitsgefährten, die das gleiche wie Sie erlebt haben. Meine Geschwister erinnern sich an andere Details, Menschen und Ereignisse als ich. 

Nun aber genug der Theorie, ich fange an zu erzählen.

 


 

Mit meinem jüngsten Bruder Rudi verbinde ich meine allererste Erinnerung. Ich war zwei Jahre und sieben Monate alt .

Kurz nach seiner Geburt nahm mein Vater uns mit ins Krankenhaus, um das Baby und Mama zu besuchen.

Ich war ganz aufgeregt, als Papa mich hoch hob mit den Worten: "Da ist dein kleiner Bruder."

Da lagen ganz viele Babys hinter der großen Glasscheibe, alle gleich aussehend und eng eingepackt in weißen  Gitterbettchen. Welches war denn nun unser Baby?

Ich war verwirrt und eingeschüchtert von der Atmosphäre und fragte nicht nach. Und mein Vater musste schauen, in der knappen Besuchszeit mit uns drei Großen zu meiner Mutter zu kommen.

Mama lag in einem anderen Krankenhaus. Viel später haben wir dann erfahren, dass beide die Geburt nur knapp überlebt haben.

Damals gab es in Düsseldorf einen der ersten Skandale um verdorbene Säuglingsnahrung. Einige Kinder starben daran, die anderen litten auch nach Jahren unter massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Mein Bruder überlebte, blieb aber lange klein und zart und war ständig im Krankenhaus.

Bernhard Rudolf waren seine Taufnamen, Bernhard aus der Familientradition heraus und Rudolf nach seinem Patenonkel. Nichts passte weniger zu dem quirligen Winzling als diese beiden Namen und bis zu seinem Lebensende blieb er Rudi.

 

Rudi (Rudolf) Gabriel

23.9. 1928 - 4.5.1989


 

Das war der  "Kuseng" (Cousin) meines Vaters, der Patenonkel von Rudi und unser geliebter Onkel. Er spielte in der Oberliga West, bei der Gründung der Bundesliga 1963 gehörte er zu den Alt Amateuren und war lange Mannschaftskapitän.

Mein Vater hat mich schon im Kinderwagen mit auf den Fortunaplatz genommen. Der frühe Einfluss wirkt bis heute nach,  ich habe nach wie vor eine Schwäche für Fußball und Fortuna Düsseldorf.

Das ging tatsächlich so weit, dass ich selber kurze Zeit spielte. Allerdings war ich nicht annähernd so leidensfähig wie Onkel Rudi und mit 1,65 Körpergröße bei etwa 55 kg hatte ich es schwer.

 

Auch an einige Kleidungsstücke meiner Kindheit kann ich mich deutlich erinnern, die dunkelgrüne Manchesterhose (Cord) meines älteren Bruders, die ich danach erbte. Bei jedem Schritt machte sie ritsch-ratsch. Damit war ich gerne unterwegs, auch zu unserem Milchmann. Für ihn war ich Peter mit der Hose und Lili hieß ich im Kleid. Brav sagte ich im Laden vor den anderen Kunden meinen vollständigen Namen auf.

Eva-Maria Gabriele M.... Lili Peter. Und wie ein dressiertes Hündchen bekam natürlich auch ich  immer eine kleine Belohnung.

Ein weißes Kleid mit Tellerrock und kleinen roten Rosen liebte ich ganz besonders.


Dazu hatte ich rote Lackschuhe, die ich vor lauter Glück mit ins Bett nahm. Zu den Schuhen bekam ich auch noch ein kleinen roten Elefanten, der ein schräges Brett

herunter laufen konnte, das sorgte bei uns Geschwistern für stundenlanges Vergnügen . Damals  hatte kaum ein Kind viele Spielsachen.

Ich hatte das Gefühl, dass uns alle Nachbarn mochten. Oma Liebe von nebenan erzählte schöne Geschichten und für Opa Liebe haben wir Zigarrenstummel aufgesammelt, die er dann in der Pfeife rauchte. Der erwachsene Sohn unserer Nachbarn hat mit uns auf dem Roller eine Runde auf der Straße gedreht, seine Schwestern haben sich mit uns beschäftigt.

Gut, der Hauswirt hat uns schon ein wenig eingeschüchtert. Ihm sind wir aus dem Weg gegangen.

Im Hinterhof war eine Schaukel für uns 5 Kinder im Haus. Der Hinterhof war auch Bühne für viele mehr oder weniger gute Musiker, die Pfennige oder Groschen wurden in Papier gewickelt aus dem Fenster geworfen. Oft waren es Kriegsversehrte oder Flüchtlinge, die sich damit über Wasser halten wollten.

Ganz normal war es für uns, im Hausflur Seil zu springen und Ball zu spielen. Niemand hat sich je über den Lärm beschwert. Ein Kind aus der Nachbarschaft besaß Rollschuhe, damit durften wir alle eine Runde drehen.  Bei unseren Dötzen (Murmeln, Schusser) war Schluss mit teilen. Wir übten und übten, um mit unseren Mehldötzen (Ton) die begehrten bunten Glasmurmeln zu gewinnen.

Die Straße war meistens unser Spielplatz, in der 2-Zimmer Wohnung war soeben genügend Platz für das Notwendige.

Am Ende unserer Straße war eine Kneipe. Wir Kinder waren immer dabei, wenn Bier mit dem Pferdewagen angeliefert wurde oder Trockeneis. Beides verschwand über eine Rutsche im Keller.

Die Kohlenhandlung gegenüber sorgte für Lärm und Verkehr, wenn die Kohlen über ein Förderband in die Lastwägen fielen. Wenn die beladenen Laster über die holprigen Straßen davon fuhren, fielen immer Kohlen herunter, die wir sofort aufsammelten und in die Wohnung brachten.

Und dann gab es da noch den besten Freund meines älteren Bruders, einen scharfen Schäferhund. Sie  teilten sich mitunter die Hundehütte, jeder andere hatte Angst vor dem Hund.

Großes Gelächter und Vergnügen, als der kleine Hundeflüsterer aus dem Wildpark im Grafenberger Wald zurück kam und ganz aufgeregt der daheim gebliebenen Mutter erzählte: "Mama, Mama, ich hab Hunde mit Stöcken auf dem Kopf gesehen!"

Die Rehböcke und Hirsche waren uns Stadtkindern vollkommen unbekannt.

Das Essen war bei uns knapp, Hunger hatten wir vier ständig und bekamen von unseren Nachbarn immer wieder mal etwas zugesteckt. Und wie andere Kinder auch gingen wir regelmäßig zur Heilsarmee ganz in der Nähe. Von der Heilsarmee sind mir liebevolle, freundliche Leute in Erinnerung geblieben, singen, spielen und essen, außerdem durften wir Trockenmilch in Tüten mit nach Hause nehmen.

Hinter unserem Haus waren Kriegsruinen, die ein herrlicher Spielplatz für uns Kinder waren. Das war streng verboten, deswegen um so interessanter. Inzwischen ist mir der Sinn klar, wir mussten häufig unsere Wohnung räumen, weil wieder eine Bombe gefunden wurde. Meistens verbrachten wir die Wartezeit bei einer Tante in der Nähe. Bomben stellte ich mir wie ein Monster vor, gefährlich und bedrohlich aussehend. Als ich eine entschärftes Exemplar sah, konnte ich es nicht begreifen. Sie sah wie ein großes Zäpfchen aus, glatt, silbern und in meinen Augen harmlos.

 


 

Wirklich aufregend und eine der längsten Nächte für unsere Kindergemeinschaft war, als Papst Pius XII. 1958 starb.

Unsere Mütter und Väter verfolgten das dramatische Sterben im Radio und vergaßen uns spielende Kinder auf der Straße.  Da hat uns kein schwarzer Mann und keine Nachthexe geschreckt, zusammen waren wir stark und furchtlos. Bis wir Hunger bekamen und müde wurden.

Unser Onkel Pitter (Peter), der bei der Rheinbahn arbeitete, bescherte uns ein weiteres Vergnügen. Als einzige Kinder hatten wir das Privileg in einem Straßenbahnwagen durch die Waschstraße zu fahren. Das war für uns jedes Mal aufs Neue aufregend, wie sich die Riesenbürsten und Lappen über uns bewegten.

Und dann war da noch Onkel Schorsch (Sergej),  der beste Freund meines Vaters. Um diese Zeit war er für uns  ein schöner freundlicher Mann, der uns ein paar Balltricks beibrachte. Außerdem ließ er uns in seiner Isetta sitzen. Erst später erfuhren wir von seinem traurigen Schicksal. Gebürtig aus Tiflis und Mitglied der sowjetischen Turner Olympiamannschaft, musste er nach seiner Kriegsgefangenschaft in Deutschland bleiben. Viele ehemalige sowjetische Kriegsgefangene wurden in ihrem Land der Spionage verdächtigt und oft nach Sibirien geschickt oder gleich liquidiert.

 

 

Im Frühjahr 1959 wurde ich in Düsseldorf eingeschult, wir waren eine große Klasse und wir liebten und verehrten alle unsere Lehrerin Fräulein Schmitt.

Wochentags ging ich freudig mit meinem Tornister in die Schule. Darin eine Schiefertafel, ein Griffelkasten mit Griffel, ein Schwamm im bunten Blechschächtelchen und außen wehte ein Läppchen.  Die Schiefertafel wurde immer wieder sauber gewischt für die nächsten Aufgaben. Bei Fehlern war der Vorteil, dass ich im Gegensatz zum späteren Heft nur einzelne Buchstaben entfernen konnte. Bis alles so war, wie ich es haben wollte.

Fräulein Schmitt hielt für die fleißigen Schüler romantische Bildchen von Ida Bohatta bereit, einer beliebten Illustratorin. Das war ein Riesenanreiz für uns alle.

Einer der netten Jungen war damals mein Gardinenring-Verlobter, für beide eine Verbindung von Vorteil. Ich half ihm bei den Hausaufgaben, er schenkte mir seine Schulmilch. Aber ich hätte ihm auch ohne die Milch geholfen, er war der netteste von allen.

Wichtig auf meinem Heimweg war für mich ein Haus mit Glassteinchen im Sockelputz, davon puhlte ich etliche heraus.

Die Eintrachtstraße und Oberbilk haben sich seither extrem verändert, mir ist ein Teil der Kindheit genommen worden.

Keines der alten Häuser, die dem Krieg trotzten, haben die moderne Zeit überdauert, meinen Schulweg gibt es so nicht mehr.

Nur ein kleines Büdchen (Kiosk) stand noch an der gleichen Stelle in der Erkrather Straße bei meinem letzten Besuch,  dort gab es damals Himbeerbonbons , Kirschlutscher und Brause.

 

Fleißbildchen von Ida Bohatta

 

Im August 1959 zogen meine Eltern, unsere Oma und wir Kinder nach Niedersachsen in ein kleines Dorf, aber das ist ein neues Kapitel.

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Ein besonderes Weihnachtsfest meiner Kindheit

Die Engel backen Plätzchen

 

Eine Biografie besteht nicht nur aus Fakten, sondern wird erst spannend und interessant durch die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen.

Und sie setzt sich aus vielen kleinen Mosaiksteinen zusammen. Mein erster Mosaikstein oder mein Biografieanfang ist das Weihnachtsfest.

Wie war das Weihnachten Ihrer Kindheit?  Viele dieser Feiern sind vielleicht schon im Dunkel der Erinnerung verschwunden, andere überdauern in der Erinnerung und in Tagebuchnotizen, Briefen und anderen Aufzeichnungen.

Geordnet und in eine Reihenfolge gebracht, haben wir den Anfang zur Biogafie schon gemacht.

Der winterliche Sonnenuntergang ist für mich untrennbar mit der Vorweihnachtszeit verbunden. Wenn ich im November und Dezember so einen Himmel sehe, freue ich mich und denke an die Erklärung meiner Mutter für die leuchtende Pracht: Die Engel backen Plätzchen.

Zweifel hatte ich keine. Im Gegenteil, meine kindliche Fantasie schmückte die wenigen Worte im Geiste aus. Ich sah die unzähligen Putti Teig anmischen , rühren und ausstechen. danach schoben sie die Bleche in den Ofen. Da war ein regelrechtes Gewimmel auf den Wolken.

Es gab in dem Dorf, wo wir aus Düsseldorf hingezogen waren zwei kleine "Tante Emma Läden".

Aber Plätzchen gab es dort nicht.

Die Weihnachtszeit fing auch erst mit dem ersten Advent an und der ersten entzündeten Kerze auf dem schlichten selbst gemachten Kranz. Dieser hatte immer dicke rote Kerzen und war mit einem seidigen roten Band umwickelt. Ein paar rote Beeren, ein wenig goldener Schmuck vervollständigte den traditionellen Kranz.

Ich kaufe bis heute nicht schon im August Weihnachtsgebäck und Süßigkeiten, sondern warte, auch wenn es schwer fällt.  Meine ständige Versuchung ist Marzipan.

Auf den schönen bunten Teller unter dem geschmückten Baum interessierten mich hauptsächlich drei Köstlichkeiten - das Marzipanbrot, die raren Orangen und die Paranüsse . Sobald die Bescherung vorbei war, feilschten wir vier Geschwister und tauschten munter drauf los.

 

Wir hatten keinen eigenen Fotoapparat, es gibt daher keine Bilder aus unserer Familie.

Hier die Schwester meiner Oma mit Mann, Kindern und dem Schwiegervater.

1939 Meine Lieblings-Tante als Baby mit ihren Eltern und den großen Brüdern.

Etwa 1951/52 Die Weihnachts-Geschenke für meine Tante vom großen Bruder.

1941 Mit dem Opa, damals musste man  Fotos nehmen, wie sie fotografiert wurden.


Ein Jahr strahlt in meiner Erinnerung besonders. Es war etwa 1959/60.

Die Atmosphäre war geheimnisvoll, zugleich voller Freude, Spannung und Erwartung. Wir Kinder waren ungeheuer neugierig und hätten zu gerne gewusst , was vor sich geht. Wie meine drei Geschwister  die Spannung aushielten, weiß ich nicht. Das Schlüsselloch war für mich tabu, hätte ich doch sonst eine goldene Nase gehabt, die meine Neugier verraten hätte. Das hatte ich aus einer der Gute-Nacht-Geschichten. Das Mädchen bekam keine Geschenke, weil es den Weihnachtsmann und seine Helfer durch das Schlüsselloch beobachtet hatte und vom himmlischen Glanz die goldene Nase zurück behielt. Das Risiko war eindeutig zu groß!

Also nervten wir meine arme Oma, die schließlich eins der Geheimnisse verriet.

Mama und Papa unterstützten den Weihnachtsmann, damit er rechtzeitig fertig wurde. Und zwar im Atelier ein paar Stufen über der Küche. Mir war klar, warum er sie ausgesucht hatte. 

Sie konnten Rahmen herstellen, restaurieren und vergolden und mein Vater außerdem wunderschöne Bilder malen. Das Hämmern und die anderen Geräusche waren somit erklärt.

Unsere Freude, unser Entzücken über die herrlichen Geschenke kannte keine Grenzen. Für den Rest des Abends spielten meine Schwester und ich selig mit den Puppenwiegen.

Meine Brüder wurden mit einen prächtigen Flipper beschert, rot-schwarz-gold lackiert und waren auch den ganzen Heiligabend beschäftigt. 

Geld etwas zu kaufen war oft Mangelware in unserer Familie, ein Kunstmaler hatte nun mal kein regelmäßiges Salär.

Später erzählte meine Mutter, dass der Korpus aus einem ovalen Mandarinen-Kistchen bestand. Zwei untergeschraubte Kleiderbügel, ein Himmel aus starkem Draht und zwei geopferten Nachthemden meiner Mutter. Sie nähte alles per Hand, auch den Matratzenbezug und die Bettwäsche.

Selbst mit der Nähmaschine ist es viel Arbeit, und in späteren Jahren schätzte ich die Arbeit, Liebe und Mühe meiner Eltern.

Die Geschenke in anderen Jahren waren eher praktischer Art, eine Wunschzettel oder Wünsche kannten wir nicht. Der neue Rock wurde für einige Zeit mit Trägern verkürzt, die Strickjacke war nur um weniges kürzer als der Rock. Die Ärmel wurden eingenäht oder umgeschlagen. Trotzdem waren wir immer zufrieden, wir kannten es nicht anders. Wir waren ohne Fernseher und somit ohne Vergleiche. Was kann man Schöneres sagen, als dass wir glückliche Kinder auch ohne viele gekaufte Spielsachen waren. Die meiste Zeit verbrachten wir ohnehin im Freien und kamen mit steif gefrorener Kleidung und Triefnasen  zum heißen Kakao nach Hause.

 

Und übrigens, Loriot hatte recht. Früher war mehr Lametta!  Passend zu den silbernen Kugeln, die jedes Jahr unseren Baum schmückten.

                                                                                  ALLE JAHRE WIEDER.

 

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